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Das Piketty-Problem #7

Das Piketty-Problem, bergsicht Ausgabe 7 vom 23. Juni 2014

Man stelle sich einmal vor: zwei idealtypische Welten, wie es sie niemals gegeben hat oder geben wird, aber zum Zwecke der sauberen Gedankenführung es wert sind, evoziert zu werden. In der einen Welt, nennen wir sie Arkadien, gibt es nur den Produktionsfaktor Arbeit. Jede Familie lebt von dem, was sie selber herstellt. Es gibt keine Maschinen, die anderen gehören, kein Telefonnetz, keine Strassen. Der – selbst in dieser extrem vereinfachten Wirtschaft unvermeidliche – Produktionsfaktor Land sei in dem Sinne unkritisch, als er einfach völlig regelmässig jeder Familie zur Verfügung steht. In der anderen Extremwelt, sie könnte Robotien heissen, gibt es just den Produktionsfaktor Arbeit nicht. Vielmehr nehmen intelligente Maschinen vor, was bisher Menschen erledigt hatten, von der Aussaat über die Getreideernte bis zum Brotbacken und hin zum Verteilen der Backwaren an die Bevölkerung. Die Kindergartentante sei ein Roboter, ebenso die Krankenschwester am Bett von Betagten. Von allen Produktionsfaktoren gibt es nur noch das Kapital.

Irgendwo dazwischen liegt die realexistierende Welt beziehungsweise sind die Tausenden von unterschiedlichen Wirklichkeiten, welche die verschiedenen Gesellschaftsstrukturen auf diesem Globus ausmachen. Ihnen gemeinsam ist die Kombination von Arbeit mit weiteren Produktionsfaktoren wie Land, Fabriken, Wissen, Know-how, Finanzkapital und anderen mehr. Die Kombinationsweise als solche sowie die Art und Weise, in wessen Hand sich welche Faktoren befinden, bestimmen sehr wesentlich die spezifische Form des Zusammenlebens: Wie friedvoll oder aggressiv die Menschen miteinander umgehen, wie erfolgreich sich eine Gesellschaft auf internationaler Ebene bewegt, wie optimistisch eine Jugend in die Zukunft blickt. Um die Kombinationsweise von Arbeit mit anderen Produktionsfaktoren geht es im Buch des bis vor kurzem völlig unbekannten französischen Ökonomen Thomas Piketty «Le capital au XXIe siècle» (2013). In seiner englischen Übersetzung («Capital in the 21 st Century», Harvard University Press, 2014) wurde der gut 700-seitige Wälzer bisher in rund 300’000 Exemplaren verkauft. Solche Verkaufszahlen erzielt innert so kurzer Frist sonst nur Belletristik wie die Harry Potter- Bände oder der Da Vinci Code.

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